Schwerpunkte · Diagnose & Behandlung
Wirbelkörperfraktur
Ein plötzlicher Rückenschmerz nach einem harmlosen Sturz, beim Heben oder sogar ohne erkennbaren Anlass – das kann eine Wirbelkörperfraktur durch Osteoporose sein. Diese Frakturen sind häufig, oft unterschätzt und in den meisten Fällen gut behandelbar: minimal-invasiv, ohne Vollnarkose, mit rascher Schmerzlinderung.
Was ist eine osteoporotische Wirbelkörperfraktur?
Bei Osteoporose verliert der Knochen an Dichte und Stabilität. Die Wirbelkörper der Brust- und Lendenwirbelsäule sind besonders gefährdet: Sie tragen das gesamte Rumpfgewicht und reagieren als Erste, wenn die Knochenqualität nachlässt. Dabei kommt es zu einer Einstauchung oder einem Einsinken des Wirbelkörpers – meist an der vorderen (ventralen) Seite, was zu einer keilförmigen Deformität führt.
Jede Fraktur schwächt auch die benachbarten Wirbelkörper und erhöht das Risiko für Folgefrakturen erheblich. Das keilförmige Einsinken mehrerer Wirbelkörper kann zu einer zunehmenden Rundrückenbildung führen und die Atmung, den Bauchraum und die Körperhaltung beeinträchtigen.
Symptome
- Plötzlicher, starker Rückenschmerz – oft nach einem Bagatelltrauma (Stolpern, Niesen, Aufstehen), manchmal ohne erkennbares Ereignis
- Schmerzverstärkung beim Aufstehen und Bewegen, Erleichterung im Liegen
- Klopfschmerz über dem betroffenen Wirbelkörper – charakteristisches Zeichen bei der Untersuchung
- Zunehmende Rundrückenbildung und Körpergrössen-Abnahme bei mehreren Frakturen
- Ausstrahlung in Flanke oder Bauch möglich, selten bis in die Beine
Ursachen und Risikofaktoren
- Osteoporose – Knochenabbau durch Alter, Hormonmangel (Wechseljahre), Kortison-Einnahme oder andere Ursachen
- Hohes Alter – insbesondere bei Frauen nach der Menopause, aber auch bei älteren Männern
- Sturz aus dem Stand – oft geringfügig (Stolpern, Aufstehen), reicht bei schlechter Knochenqualität zur Fraktur
- Steroidtherapie (z.B. bei rheumatologischen oder pulmologischen Erkrankungen)
- Tumorerkrankungen – Metastasen in der Wirbelsäule können Frakturen ohne adäquates Trauma verursachen (pathologische Fraktur)
- Vorangegangene Wirbelkörperfraktur – erhöht das Risiko für weitere Frakturen um etwa das Fünffache (relatives Risiko)
Diagnose
- Klinische Untersuchung – Klopfschmerz, neurologischer Status, Beurteilung der Körperhaltung
- Röntgen der Wirbelsäule – möglichst im Stehen/unter Belastung; erste Beurteilung von Frakturtyp, Höhenverlust und Achse
- MRT der Wirbelsäule – entscheidend für Frischebeurteilung (Ödem = frische Fraktur), Ausschluss Tumorursache und Rückenmarkbeteiligung
- CT der Wirbelsäule – detaillierte Knochenanalyse bei komplexen Frakturen, Operationsplanung
- Knochendichtemessung (DXA) – zum Nachweis und zur Quantifizierung der Osteoporose
- Labor – Knochenmarker, Tumorsuche, Kalzium- und Vitamin-D-Spiegel
Die Diagnose stützt sich auf die klinische Untersuchung, die (möglichst belastete/stehende) Röntgendiagnostik sowie – je nach Fragestellung – CT oder MRT. Das MRT hilft besonders, eine frische von einer alten Fraktur zu unterscheiden und eine tumoröse Ursache auszuschliessen.
Behandlung
Ob eine Fraktur konservativ oder operativ behandelt wird, hängt von einer Gesamtbeurteilung ab: Frakturtyp, Verlauf, Beschwerden, Mobilität, Knochenqualität und Allgemeinzustand. Strukturierte Entscheidungshilfen sind die OF-Klassifikation (Schnake et al. 2018), die Typ und Ausmass der Wirbelkörperschädigung beschreibt, und der ergänzende OF-Score (Blattert et al. 2018), der klinische Faktoren einbezieht.
Konservative Therapie
Stabile Frakturen ohne neurologische Beteiligung und mit beherrschbaren Schmerzen werden zunächst konservativ behandelt:
- Schmerztherapie – je nach Intensität, kurzfristig auch Opioide möglich
- Kurzfristige Ruhigstellung, dann rasche Mobilisierung – Bettruhe verlängert die Heilung nicht und erhöht das Thromboserisiko
- Physiotherapie – Kräftigung der Rumpfmuskulatur, Haltungsschulung, Sturzprophylaxe
- Osteoporose-Behandlung – je nach Befund und Risiko antiresorptive Medikamente (z. B. Bisphosphonate, Denosumab) oder eine osteoanabol wirkende Therapie (z. B. Teriparatid), ergänzt durch Kalzium und Vitamin D sowie Bewegungstherapie; häufig interdisziplinär (Hausarzt, Rheumatologie, Osteologie)
Minimal-invasive Verstärkung des Wirbelkörpers mit Knochenzement
Bei ausgewählten, primär stabilen Frakturen mit anhaltend starken Schmerzen kann eine perkutane Verstärkung des Wirbelkörpers mit Knochenzement erwogen werden. Der Eingriff erfolgt unter Bildverstärker-Kontrolle über kleine Hautzugänge und kann bei geeigneten Patienten in Lokalanästhesie durchgeführt werden.
Perkutane Vertebroplastie
Direktes Einbringen von Knochenzement in den frakturierten Wirbelkörper über eine dünne Nadel. Geeignet für frische, schmerzhafte Frakturen. Randomisierte Studien zeigen je nach Patientenauswahl und Studienmethodik unterschiedliche Ergebnisse – der Nutzen hängt wesentlich von der richtigen Indikationsstellung ab.
Augmentation mit Ballontechnik
Zunächst wird mit einem Ballon eine Kavität geschaffen, die dann mit Knochenzement aufgefüllt wird. Ziel ist eine partielle Aufrichtung des Wirbelkörpers und Reduktion des Zementaustritts. Beide Verfahren werden BV-gestützt, häufig in Lokalanästhesie durchgeführt.
Die Indikation wird individuell gestellt: Frischezeichen im MRT, Schmerzniveau, Frakturtyp (OF-Grad), Knochenqualität und die Allgemeinsituation des Patienten sind entscheidend. Wie jeder Eingriff hat die Zementaugmentation mögliche Risiken; Nutzen und Risiken werden anhand von Bildgebung und individueller Situation abgewogen.
Wann ist eine instrumentierte Stabilisierung nötig?
Bei instabilen Frakturen (OF3–OF5), ausgeprägter Deformität, Verletzung der hinteren Strukturen, neurologischer Beteiligung oder Tumorursache ist eine operative Stabilisierung mit Schrauben und Stäben das sachgerechte Verfahren – nach dem Grundsatz: so wenig ausgedehnt wie möglich, so stabil wie nötig. Die Kombination mit einer Zementaugmentation ist möglich.
Mein Ansatz
Osteoporotische Wirbelkörperfrakturen sind ein klinischer und wissenschaftlicher Schwerpunkt meiner Arbeit. Die genaue Klassifikation und Einschätzung der Frakturinstabilität – auf Basis der OF-Klassifikation, des MRT, des CT und des klinischen Bildes – ist Voraussetzung für eine gute Therapieentscheidung. Nicht jede Fraktur braucht eine Intervention; aber bei anhaltenden Schmerzen und frischen Frakturen mit eindeutigem MRT-Ödem ist die Zementaugmentation bei geeigneter Patientenselektion ein wirksames, schonendes Verfahren.
Ein besonderes Anliegen ist mir die Durchführbarkeit des Eingriffs ohne Vollnarkose: Die Augmentation kann ich bei geeigneten Patienten in Lokalanästhesie unter BV-Kontrolle vornehmen – eine wichtige Option für ältere, multimorbide Patienten, die eine Narkose schlecht vertragen oder vermeiden möchten.
Die wissenschaftliche Grundlage meiner Arbeit: Im Rahmen eines laufenden AO Spine International Projects befasse ich mich mit der systematischen Klassifikation und Versorgungsqualität osteoporotischer thorakolumbaler Frakturen. Mehr zu meiner Forschung →
Was sagt die Forschung?
Vertebroplastie vs. konservative Therapie – Studienlage im Überblick
Die Studienlage ist widersprüchlich: Klazen et al. (VERTOS II, Lancet 2010, PMID 20951450) zeigten bei frischen, schmerzhaften osteoporotischen Frakturen eine signifikant bessere Schmerzreduktion unter Vertebroplastie als unter konservativer Therapie. Demgegenüber fanden Buchbinder et al. (NEJM 2009, PMID 19482137) und Kallmes et al. (INVEST, NEJM 2009, PMID 19657121) in doppelblinden Studien mit Scheineingriff-Kontrolle keinen signifikanten Unterschied gegenüber Placebo. Die Diskrepanz erklärt sich teils durch unterschiedliche Patientenselektion und Studienmethodik. Fazit: Bei sorgfältiger Selektion (frische Fraktur, MRT-Ödem, ausreichende Beschwerden) kann die Vertebroplastie wirksam sein.
Ballonaugmentation vs. konservative Therapie – RCT (Lancet 2009)
Wardlaw et al. (FREE Trial) zeigten in einer multizentrischen randomisierten Studie, dass die Ballonaugmentation gegenüber konservativer Therapie bei osteoporotischen Frakturen zu einer signifikant besseren Lebensqualität, weniger Schmerzen und verbesserter Funktion führt – mit anhaltendem Effekt über 24 Monate. Wardlaw D et al., Lancet 2009, PMID 19781751 →
OF-Klassifikation und OF-Score – Entscheidungsgrundlage
Die OF-Klassifikation (Schnake et al., Global Spine J 2018, PMID 30210960) beschreibt anhand der Bildgebung Typ und Ausmass der Wirbelkörperschädigung in fünf Schweregrade (OF1–OF5). Der ergänzende OF-Score (Blattert et al., Global Spine J 2018, PMID 30210962) bezieht klinische Faktoren ein und leitet zwischen konservativer und operativer Behandlung. Beide sind Grundlage der aktuellen DGOU-S2k-Leitlinie (2025) zur Versorgung osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen.
Fragen zu Ihrer Fraktur?
Ich nehme mir Zeit für die Durchsicht Ihrer Bildgebung und eine klare, schriftliche Einschätzung – auch für Patienten mit bestehenden Befunden, die eine Zweitmeinung wünschen.